Das mit dem "immer" oder "gelegentlich" finde ich so 'ne Sache. Bei mir hat es schon einige Zeit gedauert, das Zwischengas sauber hinzubekommen. Ich habe es aber auch nur hinbekommen, weil ich es ständig und immer und auch in Situationen, in denen es eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre gemacht habe.
Nochmal zur Motorbremse. Vielleicht unterteilen wir das besser in zwei Stadien der Motorbremse. Stellen wir uns mal vor, wir lassen vier Motorradfahrer mit derselben Geschwindigkeit nebeneinanderfahren.
Der 1. soll einfach nur auskuppeln, nachher nicht ans Gas gehen
Der 2. soll auskuppeln und wieder einkuppeln, ohne danach ans Gas zu gehen
Der 3. soll auskuppeln, herunterschalten und dann wieder einkuppeln ohne danach ans Gas zu gehen
Der 4. soll auskuppeln, mit Zwischengas herunterschalten und dann wieder einkuppeln, danach nicht ans Gas gehen
Fahrer 1: Wird von der Motorbremse gebremst. Sobald er auskuppelt, fällt die Bremse weg und er wird weiter rollen können als er es eingekuppelt gekonnt hätte.
Fahrer 2: Wird beim Ziehen der Kupplung rollen wie Fahrer 1. Während er rollt, fällt die Drehzahl seines Motors ab. Je länger er die Kupplung gezogen hält, desto weiter fällt die Drehzahl. Eine Sekunde reicht in der Regel, um die Motordrehzahl in etwa auf Standgasniveau fallen zu lassen. Zieht er also die Kupplung und lässt sie sofort wieder los, dann gibt es nur einen kleinen Ruck, weil die Motordrehzahl nur wenig abgefallen ist seit er ausgekuppelt hatte. Wartet er hingegen 1-2 Sekunden nach dem Auskuppeln, dann muss er sich überlegen, wie er wieder einkuppelt. Lässt er die Kupplung "fluppen", schafft es das Hinterrad natürlich nicht schlagartig, den Motor auf die Ausgangsgeschwindigkeit zu bringen. Daher wird es (je nach Hubraum und Verdichtung und Zieldrehzahl des Motors) entweder stark abgebremst oder blockiert sogar. Alternativ lässt er die Kupplung laaaaaaangsam wieder kommen und gibt dem Motor damit Zeit, hochzudrehen. Dabei rutscht die Kupplung durch. Ist wieder vollständig eingekuppelt, wirkt die Motorbremse im klassischen Sinne: Das Hinterrad sorgt dafür, dass die Drehzahl des Motors nur langsam fällt und wird dabei gebremst.
Fahrer 3: Macht im Prinzip nichts anderes als Fahrer 2, mit dem Unterschied, dass die Zieldrehzahl, also die Drehzahl, auf die das Hinterrad den Motor drehen muss,
höher liegt. Gehen wir nochmal die Schritte durch: Der Fahrer zieht die Kupplung, die Drehzahl fällt. Dann legt er einen niedrigeren Gang ein, was dazu führt, dass die Zieldrehzahl des nun langsamer drehenden Motors
höher liegt als seine Ausgangsgeschwindigkeit. Beim Einkuppeln wird er diese Differenz über die Kupplung ausgleichen müssen. Er kann sich also entscheiden, ob er die Kupplung "fluppen" lässt. Das hätte den Vorteil, dass die Drehzahl nicht so viel Zeit hat zu fallen und die absolute Drehzahldifferenz zwischen aktueller und benötigter nicht zu hoch wird. Allerdings wird auch ein ruckartiges Bremsmoment ans Hinterrad geben. Je nach Hubraum/Verdichtung/Zieldrehzahl kann das von einem kleinen Ruck über ein leichtes Stempeln des Hinterrades bis zum vollständigen Blockieren des Hinterrades reichen. Letzteres ist gefährlich, klar. Die andere Möglichkeit für Fahrer 3 wäre, langsam einzukuppeln. Dabei fällt die Drehzahl des Motors weiter als bei der ersten Variante und die Drehzahldifferenz ist demnach größer. Eben weil er gefühlvoller einkuppeln will und langsamer schaltet,
muss er auch gefühlvoller einkuppeln. Denn würde er die Kupplung ziehen, die Drehzahl fallen lassen und dann die Kupplung fliegen lassen, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass das Hinterrad einfach blockiert. Aber: Gefühlvolles Einkuppeln
braucht auch Zeit. Die hat man nicht immer. Nehmen wir an, Fahrer 3 fährt auf eine Kurve zu. Er hat gerade herunterschaltet und ist nun dabei, wieder einzukuppeln. Er weiß, dass er vor der Kurve noch einkuppeln muss, weil er sonst kein Stützgas in der Kurve hat. Weil das Einkuppeln aber lange dauert, muss er gezwungenermaßen schon mit dem Einlenken beginnen, das Motorrad ist also in Schräglage. Jetzt kommt der Clou: Je weiter es in Schräglage ist, desto weniger Bremsmoment kann das Hinterrad vertragen, weil es ja schon Seiteführungskräfte überträgt. Und: je weiter es in Schräglage liegt, desto stärker wirkt sich auch ein geringes Bremsmoment auf die Stabilität der Kurvenlage aus. Der Fahrer merkt also, dass er schleunigst einkuppeln muss, aber er weiß auch, dass er mit einem hastigen Einkuppel Gefahr läuft, sich das Hinterrad unterm Hintern wegzufegen oder eine so große Unruhe ins Fahrwerk zu bringen, dass der die angepeilte Kurvenlinie nicht halten kann. Will er aber gefühlvoll einkuppeln, dauert der Vorgang länger, er muss weiter einlenken und mehr Schräglage einnehmen (die Kurve wartet ja nicht auf ihn) und in dieser tieferen Schräglage genügen schon geringe Bremsmomente am Hinterrad für eine Blockade oder für die Destabilisierung. Also: Wie er's auch macht, ob langsam oder schnell - so richtig sauber ist es nie. Hat er dann eingekuppelt und gibt nicht weiter Gas, bremst ihn auch hier die klassische Motorbremse.
Fahrer 4: Er kuppelt aus, rollt also ohne Motorbremse, schaltet herunter
und gibt Zwischengas. Er nimmt die Drehzahlanpassung, die Fahrer 2 und 3 über die Kupplung gemacht haben übers Gas vor. Sprich: Er lässt den Motor nicht vom Hinterrad auf die Zieldrehzahl "schieben", sondern gibt Gas und kuppelt genau dann wieder ein, wenn die Drehzahl von Motor und Getriebe aufeinander passen. Das setzt natürlich Übung voraus, weil Fahrer 4 wissen bzw. verinnerlicht haben muss, wie groß die Übersetzungsänderungen von Gang zu Gang sind, wieviel Zwischengas er geben und wann er wieder einkuppeln muss. Ist das Einkuppeln vollzogen und das Gas bleibt zu, wirkt natürlich auch hier wieder die Motorbremse. Das Schalten mit Zwischengas hat gegenüber der Drehzahlanpassung mit der Kupplung diverse Vorteile. Der wichtigste ist, dass man schalten kann, ohne Kräfte auf das Hinterrad zu übertragen. Das versetzt einen z.B. in die Lage, hart herunterzuschalten ohne dass das Hinterrad stempelt oder blockiert. Außerdem geht der Schaltvorgang schneller. Nehmen wir an, Fahrer 3 fährt auf eine Kurve zu und entschließt sich, vorher herunterzuschalten. Dabei können o.g. Komplikationen auftreten. Fahrer 4 wird diese Probleme aus zwei Gründen nicht haben. Erstens ist sein Schaltvorgang viel schneller beendet als der von Fahrer 3. Er kommt also oft gar nicht in die Verlegenheit, bei Schräglage noch einkuppeln zu müssen, weil er einfach schon vorher fertig ist. Zweitens: Selbst wenn er sich, schon in Schräglage, noch dazu entscheidet, herunterzuschalten, kann er das gefahrlos machen, weil er das Hinterrad "aus dem Spiel" lässt.
Dazu noch eine Grafik aus dem schon verlinkten Thread:
Ein Hinweis noch: Es kommt tatsächlich auch auf den Motor an. Das Bremsmoment eines Motors hängt im Wesentlich von den drei o.g. Faktoren Hubraum (wieviel muss komprimiert werden), Verdichtung (wie sehr muss komprimiert werden) und Zieldrehzahl (wie häufig muss komprimiert werden) ab. Entsprechend ging es mir genauso wie Bernt Spiegel es prophezeit hatte: Oft fallen Mängel beim Schalten erst beim Umstieg auf ein größeres Motorrad auf. Mit der 600er habe ich nie mit Zwischengas geschaltet. Erstens wusste ich nichts davon und zweitens war das Bremsmoment am Hinterrad selbst bei härtestem Herunterschalten gerade so groß, dass das Hinterrad gut kontrollierbar stempelte. Das sparte mir quasi die Hinterradbremse. Mit der 1000er war das so nicht mehr zu machen, Und weil ich die Drehzahl in Kurven gerne hoch halte, musste ich meinen Fahrstil umstellen. Ich würde aber heute auf jeder 125er mit Zwischengas schalten, einfach, weil es für meine Begriffe dazugehört.