Phantastisch! Ein super Thread.
Ich hab mir in den letzten tagen verstärkt Gedanken zum Thema Motorradfahren und aktive und passive Sicherheit gemacht. Das Thema ist für mich brandneu...ich hab noch nie auf einem Motorrad gesessen und werde erst im kommenden Frühjahr mit Fahrstunden beginnen können. Momentan beschäftige ich mich daher mit Theorie und damit, mir meine Schutzkleidung nach und nach zusammenzukaufen.
Ab und an schaue ich mir auch Motorrad-Videos auf Youtube an. Da stolpert man irgendwann auch über sehr hässliche Unfälle. Wenn man sich diese Videos genau anschaut, kann man sehr oft einige Dinge erkennen:
- Oft fehlt der Respekt vor dem Motorrad. Anscheinend machen sich einige nicht bewusst womit sie es zu tun haben. Der Fahrer sitzt auf einem 200 Kilo schweren Metallteil welches extreme Kräfte entfalten kann. Selbst wenn es sich nur um 20 PS oder noch weniger handeln. Selbst ein 50er Roller kann so ausser Kontrolle geraten, dass der Fahrer damit schwer verunglückt. Ich finde, man sollte sich zuallererst bewusst machen, worauf man sich einlässt und welche geistigen und körperlichen Fähigkeiten ein Motorrad von einem verlangt.
- Passend dazu machen sich viele offensichtlich keinerlei Gedanken um Risiken und deren Vermeidung. Das fängt mit der passiven Sicherheit an: Schutzkleidung. Es ist erstaunlich wie viele sich in Jeans und T-Shirt auf das Motorrad setzen. Einige sogar in Shorts und Badelatschen. Eine optimistische Grundhaltung finde ich zwar begrüssenswert, allerdings sollte man immer daran denken, dass jederzeit etwas schiefgehen kann. Besonders dann, wenn man ungeübt im Umgang mit dem Motorrad ist. Wenn dann die Situation schon ausser Kontrolle gerät, dann sollte man zumindest so gut wie möglich durch die Kleidung geschützt sein. Unfälle können ja auch unverschuldet passieren....auch 2 Meter hinter der Hofausfahrt.
- Sicherheitsausstattung des Motorrads: Mittlerweile gibt es auch ABS für das Motorrad. Eine gute Sache, allerdings heisst das meiner Ansicht nach nicht, dass man sich jetzt voll und ganz auf die Technik verlassen kann. Die Fahrphysik kann auch noch so viel Elektronik nicht aushebeln. Wenn man es drauf anlegt, bekommt man jedes Fahrzeug in den Grenzbereich und dann ist der Abflug auch mit Abs nicht mehr zu verhindern. Dazu ein beispiel: Auf Youtube habe ich einen Bericht über einen 19jährigen gesehen, der im nagelneuen Golf seines Vaters mit Tempo 120 durch die Stadt gerast ist. Die Spritztour ging leider tödlich für ihn aus. Das Auto wurde in zwei Hälften gerissen und Teile waren geradezu an einen Baum genagelt.
Nun ist ein neuer VW Golf sicher mit modernen Sicherheitssystemen ausgestattet (Gurte, Airbags, ABS, ESP etc...) Geholfen hat das aber in dem Fall leider nichts, weil die Insassen die Elektronik mit Gurtsteckern (daran war dann eben kein Gurt befestigt) überlistet haben. Beim fahren ist das Fahrzeug ausserdem über eine Bordsteinkante und hat zeitweise zum Teil die Bodenhaftung verloren. Dadurch konnte das ESP laut eines VW-Ingenieurs nicht eingreifen. Unfallursache also Übermut und wahrscheinlich das Gefühl, in einem modernen Auto unverwundbar zu sein. Eine Tonne Metall, die gegen einen Baum klatscht ist aber eben trotzdem noch gewissen physikalischen Gesetzmässigkeiten ausgesetzt. Da hilft die Elektronik auch nicht mehr.
- aktive Sicherheit: Wir haben eine immer höhere Verkehrsdichte und Autos werden immer schneller und grösser. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit war Tempo 200 nur mit wenigen Fahrzeigen möglich. Inzwischen schafft das fast jede Familienkutsche. Mit einigen heutigen Kombis hätte man früher wahrscheinlich auf Rennstrecken gewinnen können.

Ich bin beileibe kein Moralapostel, der für Tempo 100 plädiert, aber man muss sich eben im Klaren darüber sein, dass man sich die Strasse mit vielen anderen Verkehrsteilnehmern teilt. Und man sollte auch die eigenen Fähigkeiten realitisch einschätzen.
Das ist auch so etwas, was man bei vielen Videos feststellen kann: Die totale Selbstüberschätzung gepaart mit fehlender Erfahrung. Die Fahrer in Jeans und T-Shirt habe ich ja bereits genannt. Ein Video fand ich besonders "beeindruckend": Ein junger Bursche lässt seinen Kumpel auf einem Motorrad üben. Der "Fahrschüler" in Jeans und Langarm T-Shirt. Aber zumindest hat er die Ärmel herunter gerollt...vielleicht bringts ja was.
In einer Szene läuft der "Fahrlehrer dann VOR das Motorrad, während der "Fahrschüler" auf dem Bock sitzt und planlos mit der Maschine hantiert. Als ich das gesehen habe, haben sich mir die Haare aufgestellt. Ich hab zwar noch nie auf einem Motorrad gesessen, aber selbst mir ist klar, was passiert, wenn der "Fahrschüler" überraschend die Kupplung schnalzen lässt. Zum Glück ist das nicht passiert und der "Fahrlehrer" ist dann auch irgendwann wieder etwas zur Seite. Trotzdem hat ihn sein "Fahrschüler" beim heftigen anfahren fast über den Haufen gefahren und hat sich erstmal satt auf die Moppe gelegt. Reaktion des "Fahrlehrers": Er hat drüber gelacht!!!
Unfassbar für mich! Da kommen gleich mehrere Dinge zusammen. Zum Einen setzt er seinen Kumpel einem unkalkulierbaren Risiko aus, dann verhält er sich selber unfassbar blöde und als es schiefgeht geht ihm auch kein Licht auf, sondern das Ganze ist einfach nur lustig. Der Gedanke, dass die Aktion auch anders hätte enden können, kam ihm wohl nicht.
Ich denke, man muss sich immer klar machen, in was für eine Situation man sich begibt und welchem Risiko man sich und Andere aussetzt. Je nach Fahrweise und geistiger Einstellung kann man dieses Risiko beträchtlich minimieren und ist dann gar nicht erst auf ABS und Schutzkleidung angewiesen. Umso besser, wenn man diese zusätzlichen Reserven dann hat, aber nie braucht.
So...es ist leider etwas ausgeufert. Tut mir leid.