Sollte es jemand lesen wollen ;-)
Hier:
Stefan Kiefer und die Sehnsucht nach Regen
Motorrad-Weltmeisterschaft: Idar-Obersteiner Team absolviert seine beste Saison - Nach dem Markenwechsel drohte Desaster - Für West-Verlängerung fehlen Sponsorengelder
Das Jahr 2006 bedeutete den endgültigen Durchbruch für das Kiefer-Racing-Team in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Mit dem elften Gesamtrang von Anthony West und insgesamt 93 WM-Punkten waren die Idar-Obersteiner das weltbeste Privatteam in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter.
IDAR-OBERSTEIN. Wann immer man in den vergangenen Tagen die Kiefers in ihrem Motorrad-Geschäft im Idar-Obersteiner Stadtteil Weierbach besuchte, Stefan (Teamchef) und Jochen (Technikchef) Kiefer steckten in Verhandlungen. Mal waren Fahrer zu Gast, ein anderes mal Sponsoren ihres Motorrad-Rennstalls, der erneut in der Weltmeisterschaft auf sich aufmerksam machte. Von ruhigem Saisonausklang keine Spur, wie auch das Gespräch mit Stefan Kiefer unterstreicht.
Wie fällt Ihr Saisonfazit aus?
Sehr, sehr positiv, vor allem sportlich. Der elfte Gesamtplatz von Anthony West bedeutet unser bisher bestes Resultat. Zudem sind wir nun das beste Privatteam der Welt in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter. Mehr war nicht zu erwarten. Na ja, nicht ganz.
Auf was spielen Sie an?
Auf das Wetter. Da fährt der schnellste Regenfahrer der Welt für uns, und es gibt in der kompletten Saison kein einziges Regenrennen. Ich habe mal nachgeschaut, so etwas gab es in den vergangenen zehn Jahren nicht einmal. Sonst sind drei, vier Rennen pro Jahr üblich. Was Anthony bei nassen Bedingungen drauf hat, konnte er so nur im Training zeigen, lag dann auf Pole-Kurs. Wenn es nur ein, zwei Regenrennen gegeben hätte, wäre er im Gesamtklassement in den Top Ten gelandet, da bin ich mir sicher.
Mit der Verpflichtung von West haben Sie vor der Saison einen Quantensprung gewagt. Erstmals nahmen Sie einen Weltstar unter Vertrag. Gab es da Berührungsängste, Stargehabe, oder verlief die Zusammenarbeit problemlos?
Wären wir bei Honda geblieben, wäre alles easy verlaufen. Durch unseren kurzfristigen Wechsel zu Aprilia, mit dem wir Neuland betreten haben, gab es zu Beginn der Saison schon einige Reibungspunkte - menschlich, vor allem aber technisch. Das war nicht einfach für uns alle.
Was sorgte für den Stimmungsumschwung?
Wir haben so viel getestet wie noch nie, haben vier Wochen lang Tag und Nacht geschraubt. Ohne diese vielen Tests wäre die Saison ein Desaster geworden. Die Belohnung dafür hätten wir, das Team und Anthony, beinahe im ersten Rennen erhalten, als Anthony bis kurz vor dem Ende auf Platz sechs lag, ehe er wegen einer Banalität, einer gebrochenen Kerze, ausfiel. Da hat Anthony gemerkt, was das Team drauf hat. Von dort an lief die Zusammenarbeit immer besser, am Ende würde ich sie als super bezeichnen. Anthony ist mittlerweile ein Freund für uns. Ich glaube, er hat sehr schnell gemerkt, dass wir ehrliche Leute sind und ordentliche Arbeit abliefern.
Sie loben Ihre australische Nummer eins, welche Komplimente haben Sie denn für Ihre Nummer zwei, den deutschen Top-Piloten Dirk Heidolf, auf Lager?
Mit seiner Saison sind wir so weit ganz zufrieden. Er hatte mit elften Plätzen zwei Highlights, aber auch einige Rückschläge, als wir eigentlich das Gefühl hatten, der Knoten sei geplatzt. Er hat auch das Problem, dass ihn Verletzungen immer wieder aus der Bahn werfen, er wichtige Teile der Saison verpasst. Wir hatten gehofft, dass er durch den Wechsel zu Aprilia einen Schritt nach vorne macht. Das ist nicht geglückt. Ich denke, er selbst kann mit dieser Saison nicht zufrieden sein.
Trotzdem haben Sie den Vertrag mit ihm verlängert, während Sie sich von West getrennt haben.
Wir hatten gehofft, dank und mit Anthony vom Privatteam zum werksunterstützten Team aufzusteigen. Dazu hätten wir und er etwa 600 000 Euro auftreiben müssen. Beide Seiten haben alles versucht, aber das notwendige Geld einfach nicht zusammenbekommen. Dadurch war es dann auch nicht mehr möglich, West zu halten, obwohl wir gerne mit ihm weiter gearbeitet hätten. Seinen Platz nimmt nun Alex Baldolini ein. Er ist der zweitbeste Privatfahrer der Welt und war unsere erste Wahl.
Wie kam der Kontakt zustande, und was erwarten Sie von Baldolini?
Wir hatten bereits im Vorjahr mit ihm verhandelt, dann kam aber die Chance, West zu verpflichten. Alex ist erst 22 Jahre jung, hat noch Potenzial nach oben. Er fehlte in dieser Saison lange wegen einer Verletzung, will jetzt wieder durchstarten. Zuletzt hatte er bereits sehr gute Resultate. Und er wollte unbedingt zu uns.
Mit Heidolf hatten Sie sich ja bereits frühzeitig, im Juli am Sachsenring, auf eine weitere Saison verständigt.
Halt, stopp, das war lediglich eine Absichtserklärung, von der wir uns sogar ein bisschen überrumpelt gefühlt haben. Aber es gab in den vergangenen Tagen noch einmal sehr intensive Gespräche mit Dirk. Er hat dabei alle unsere Veränderungswünsche akzeptiert. Deshalb wurde auch aus der Absichtserklärung ein richtiger Vertrag. Auch wenn ich zugeben muss: Es hätte uns sehr gereizt, mit einem jungen Deutschen die Saison zu bestreiten.
Das klingt nach klaren Vorgaben für Heidolf?
Dirk weiß und sagt es selbst: Die kommende Saison muss seine beste werden, sonst wird es die letzte sein - zumindest in unserem Team.
Sie haben eben den Wunsch nach einem jungen Deutschen, einem unverbrauchten Gesicht angesprochen. Dabei handelt es sicher um Joshua Sommer.
Richtig, er wollte zu uns, und wir hätten auch gerne mit ihm gearbeitet. Aber nach reiflicher Überlegung werden wir Dirk noch eine dritte Chance geben.
Das Interesse von Baldolini oder Sommer, der ja auch kräftig Sponsorengelder mitgebracht hätte, zeigt Ihren gestiegenen Stellenwert.
Wir sind nicht nur das einzige deutsche WM-Team. Ich denke, wir sind auch richtig gut geworden, werden anerkannt im WM-Geschäft. Unser Team ist eben nie stehen geblieben, sondern hat sich immer weiterentwickelt. Nun sind wir unbestritten die Nummer eins im Straßensport in Deutschland. Ich merke das an den täglichen Anrufen. Alle wichtigen Entscheidungen laufen über uns. Ich bin ehrlich: Auf diese Entwicklung sind wir ein bisschen stolz.
Früher mussten Sie sich vom Weltverband ihre Fahrerentscheidungen absegnen lassen,...
...heute haben wir in der Fahrerwahl absolut freie Hand, auch das ist ein Zeichen der Anerkennung.
Man hört Ihren Stellenwert nahezu jeden Rennsonntag, wenn Sie bei Eurosport Ihren Kommentar zum Rennen abgeben. Wir beurteilen Sie die mediale Aufbereitung der Motorrad-Weltmeisterschaft?
Regional klappt das sehr gut, auch Eurosport macht einen tollen Job. Ich würde mir natürlich wünschen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender oder RTL Lust am Motorradsport finden, das wäre ein Mega-Ding. So eine breitere Basis würde dem Sport, aber auch dem Absatz der Motorrad-Branche in Deutschland, und dafür machen wir ja ursprünglich den Motorradrennsport, sehr helfen.
Eine Abschaffung der "kleinen" WM-Klassen zugunsten der GP 1 war im Gespräch.
Und ist glücklicherweise vom Tisch. Die GP 1 sollte zur Formel 1 des Motorradrennsports ausgebaut werden. Doch das bisherige System mit drei Klassen wurde vertraglich bis 2011 verankert. Für mich eine kluge Entscheidung, schließlich braucht die GP 1 die unteren Klassen zum Aufbau der Piloten. Alle Top-Fahrer dort sind zuvor bei uns bis 250 Kubikzentimeter gefahren. Und die kommende Saison in unserer Klasse wird auch deshalb so interessant, weil zahlreiche Top-Fahrer der 125er Klasse, inklusive Weltmeister und Vize-Weltmeister, zu uns hoch kommen und alle gespannt sind, wie sie sich dort schlagen.
Sie mischen aber nicht nur kräftig im WM-Treiben mit, Sie machen sich auch Gedanken um die Nachwuchsförderung, haben ein Talent in der Deutschen Meisterschaft platziert.
Marvin Fritz ist dort mit 13 Jahren Elfter geworden. Zu Beginn der Saison waren wir super-super zufrieden mit ihm, im Saisonverlauf ist er dann stagniert. Das ist aber nicht tragisch. Er und wir müssen daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Das Projekt mit ihm geht weiter, ist schließlich auf drei, vier Jahre angelegt, dann wollen wir ihn in die WM hieven.
Ihr Engagement, Marvin zu unterstützen, findet seinen Ursprung ja in dem Gedanken, den deutschen Helden, zu finden. Einen Boris Becker oder Michael Schumacher, der dem Motorradsport den notwendigen Kick gibt. Haben Sie in dieser WM-Saison in einer der drei Klassen einen potenziellen Kandidaten gesehen?
Nein, leider nicht. Auch unser Ex-Fahrer Sandro Cortese, zu dem wir noch einen wunderbaren Kontakt haben, hat es nicht wie gehofft geschafft, sich in einem Top-Team durchzusetzen. Er hat Talent, muss aber noch mehr zeigen. Deshalb werden wir uns ja auch weiter der Nachwuchsarbeit widmen.
Sie haben die Probleme bei der Sponsorensuche angesprochen. Ist diese mit den Erfolgen nicht leichter geworden?
Nein, ehrlich gesagt, kein bisschen. Immerhin, dank unserer Erfolge in diesem Jahr ist es uns gelungen, unseren Stamm zu behalten.
Zum Abschluss noch die Frage nach Christian Gemmel. Seine Siegerkränze zieren noch immer ihre Firmenzentrale, mit dem Hettenrodter sind Sie in die WM eingestiegen, ehe er seine Karriere aus psychischen Gründen beendete. Haben Sie noch Kontakt?
Ja, auch wenn er immer spärlicher wird. Aber Christian geht es richtig gut. Er hat einen neuen Beruf gefunden und ist vor kurzem Papa geworden.