hab ich noch gefunden...
Text(JENS S. VÖHRINGER)
Es ist kurz nach zwei. Ein kalter Herbstwind weht durch
die Gemeinde Amtzell im Allgäu. In einem Wohngebiet schüttelt er die letzten Blätter von den Bäumen. Eine blaue Tafel macht dort auf den bekanntesten Bürger, einen Motorradrennfahrer, aufmerksam. »Reinhold-Roth-Str.« steht auf dem Straßenschild, das kein offizielles ist. »Wir haben das vor Jahren von Freunden geschenkt bekommen«, wird Elfriede Roth später erklären. Einige Spaziergänger sind dem Schild schon gefolgt und im Garten der Roths gelandet.
Ein paar Meter weiter telefoniert dort gerade Sohn Mathias und deutet mit der linken Hand zum Hauseingang. Augenblicke später geht die Haustür auf. »Hallo«, ruft mir Elfriede Roth, eine blonde, zierliche und energische Frau zu und winkt mich zu ihr.
Das Haus der Roths ist freundlich und hell eingerichtet. Es hat viele Fenster. »Seit 1994 wohnen wir jetzt hier«, erzählt Elfriede Roth, während sie in der Küche noch zwei Gläser und einen Krug Wasser besorgt. Kurz darauf kommt sie in den großzügigen Wohnraum und setzt sich auf einen Stuhl am Esstisch. Schon immer haben sie und ihr Mann Reinhold hier im Allgäu gelebt. In Amtzell, 16 Kilometer von Ravensburg entfernt, haben sie sich 1973 auch kennengelernt. Im gleichen Jahr startete Reinhold Roths Karriere. 1978 heirateten sie.
Elfriede Roth spricht langsam und überlegt genau, was sie sagt gefasst, aber gleichzeitig innerlich bewegt. Und dabei wird deutlich, dass sich die Geschehnisse von damals noch einmal in ihr abspielen. »Wissen Sie, eigentlich wollte der Reinhold damals nach der Saison oder der darauf folgenden aufhören«, blickt sie zurück. »Aber in dem Jahr ist alles schief gelaufen.«
Damals, das war 1990. Motorradrennfahrer Reinhold Roth strebte als Vize-Weltmeister in der 250 Kubikzentimeter-Klasse nach dem Titel. Das Leben der Roths drehte sich komplett um den Rennsport. Der sympathische Familienmensch Reinhold Roth war in aller Munde, in der Presse und auch im Fernsehen stets präsent. »Bei Rennen in Europa bin ich mit Mathias mit dem Wohnmobil dabei gewesen«, sagt Elfriede Roth.
Am 17. Juni, beim Großen Preis von Jugoslawien in Rijeka, ereignete sich dann die Tragödie, die das Leben der Roths für immer veränderte. Reinhold Roth fuhr ungebremst auf den hinter einer Kuppe trödelnden und überrundeten Australier Darren Milner auf. Die Diagnose bei Roth: Schädelbasisbruch, Kieferfrakturen und Gehirnblutungen. »Die ärztliche Versorgung am Unfallort war schlecht«, erinnert sich Elfriede Roth, »er war acht Minuten ohne Sauerstoff. Seine Überlebenschance lag bei zehn Prozent.«
Elfriede Roth Kämpfte dennoch weiter um ihren Mann. Weitere 14 Tage verbrachten die Roths in Rijeka, dann wurde der damals 37-Jährige zunächst nach Ravensburg und daraufhin in eine Reha-Klinik nach Burgau gebracht. Nach über einem halben Jahr erwachte ihr Mann aus dem Wachkoma. »Für die Ärzte war das ein medizinisches Wunder.« Stets hatte Reinhold Roth seine drei Jahre jüngere Frau an seiner Seite. Sie hat ihren Mann damals an Wochenenden mit nach Hause genommen, damit er die Nähe zu seiner Familie nicht verliert. »Weihnachten hat er nie in einer Klinik, sondern immer zuhause verbracht«, sagt sie. »Inwieweit er das mitbekommen hat, weiß ich allerdings nicht.« Rund zweieinhalb Jahre nach dem Unfall kam er dann endgültig zurück nach Amtzell.
»Ich kriege nie mehr den Reinhold, den ich einmal hatte«
Reinhold Roth ist auch heute noch ein Pflegefall. Seine geistigen Fähigkeiten sind eher wie die eines Kleinkinds, erklärt seine Frau. Er sitzt im Rollstuhl und ist halbseitig gelähmt. »Die rechte Seite kann er bewegen«, sagt Elfriede Roth, »doch die Koordination ist schwierig«. Zwar macht er Fortschritte, aber die sind so minimal, dass sie nur von Nahestehenden wahrgenommen werden. Doch Elfriede Roth weiß: »Er ist glücklich. Das hat er mir gesagt.« Außenstehenden erscheine ein solches Leben vielleicht nicht lebenswert, so die 50-Jährige. »Aber Reinhold lebt in einer anderen, seiner eigenen Welt. Keiner weiß, was in ihm vorgeht. Man muss sein Leben so respektieren, wie es jetzt ist.«
Manchmal, da erinnert sich Reinhold Roth an ganz bestimmte Rennsituationen von früher. »Er spricht dann beispielsweise von der Ostkurve am Hockenheimring. Es ist oft verblüffend, was er für Antworten gibt«, erzählt seine Frau. Und wenn dann einmal ein Rennen im Fernsehen läuft und man ihn am Ende fragt, wer denn gewonnen hat, antwortet er: »Ich!« Doch es gibt Tage, an denen er seine Frau oder seinen Sohn einfach nicht erkennt. Aus dem Nebenraum meldet sich Reinhold Roth kurz zu Wort. »Reinhold, hörst du uns?«, ruft ihm seine Frau zu. Dann wird es nebenan wieder still.
»Eigentlich wollten wir nach Reinholds Karriere ein normales Leben führen. Ein Haus bauen, noch einige Kinder haben«, beschreibt Elfriede Roth die damaligen Pläne. Und nach dem Unfall habe sie fest daran geglaubt, dass sie mit ihrem Mann wieder so leben könne wie vor dem Unfall. »Nun kann ich mit ihm leben, aber doch nicht mehr so, wie ich es mir vorgestellt habe«, sagt Elfriede Roth. »Ich kriege nie mehr den Reinhold, den ich einmal hatte.« Dennoch: »Wir zwei hatten damals schon so viel erlebt wie andere mit 80 noch nicht.«
Den Motorradsport verfluchen will Elfriede Roth aber auf keinen Fall. »Das war Reinholds ein und alles. Ich hätte ihm den Sport vielleicht ausreden können, aber was hätte es genützt, wenn ich einen unglücklichen Mann gehabt hätte.« War es Schicksal? »Ja, sicher«, sagt sie. »Der Weg eines Jeden ist vorherbestimmt.« Wichtig sei, wie man damit umgeht: »Man kann entweder den Kopf in den Sand stecken oder das Beste aus der Situation machen.«
Elfriede Roth entschloss sich für Letzteres und kümmerte sich so aufopferungsvoll um ihren Mann, dass sie selbst Schaden nahm: »Das ging an die Substanz, auch psychisch. Vor zwei Jahren war ich schwer krank und acht Wochen lang im Krankenhaus.« Es wurde ihr einiges klar. »Es hätte niemandem etwas gebracht, wenn mir etwas passiert.« Daraufhin beschloss sie, einiges zu ändern. Mittlerweile hat ihr Mann fünf Pflegerinnen, die sich um ihn kümmern.
Für sie sei das eine große Erleichterung. Und der Weg zurück in ein eigenes Leben gewesen. »Das habe ich jahrelang nicht gehabt. Ich lebe mein Leben jetzt so gut ich kann, ohne schlechtes Gewissen«. Zweimal in der Woche arbeitet sie im Einkauf im Einzelhandel. Und auch abends spontan Essen gehen ist nun kein Problem mehr. Ihr Mann sei ja jetzt optimal betreut. »Außerdem hat er früher einmal gesagt: ›Wenn es dir gut geht, geht es auch mir gut.‹«
»Mein Ziel ist es, Reinhold das Leben so angenehm wie möglich zu machen«, sagt Elfriede Roth. Sie versucht ihn auch so gut wie möglich zu schützen. Dazu gehört, dass sie nach wie vor den Wunsch hat, dass von ihrem Mann keine Fotos gemacht werden. Sie selbst will ebenfalls nicht abgelichtet werden.
Ihr Mann habe mittlerweile wieder einen geregelten Tagesablauf und Rituale, und das sei auch eine Lebensqualität. Jeden Morgen steht er um halb acht auf und wird dann bis halb acht abends beschäftigt. Krankengymnastik, logopädische Therapie sowie Ergotherapie stehen auf dem Programm. Auch viele so selbstverständliche Dinge wie Rasieren oder Zähneputzen erfordern beim einstigen Motorrad-Heroen heute höchste Konzentration. Gerne isst Reinhold Roth und sagt auch schon einmal, dass er Kaffee und Kuchen will. Anderes kann er hingegen nicht mitteilen. Beispielsweise, dass er müde ist und ins Bett will.
Es sei nie einfach gewesen in den vergangenen 16 Jahren, erklärt Elfriede Roth. Weder für sie noch für ihren Sohn Mathias, der 1990 sechs Jahre alt war. »Er hat seinen Vater nie so lieben können wie andere Kinder. Er hätte gerne mal mit ihm Lego gespielt. Das hat er einmal gesagt.« Das ging aber nie. Durch die Zeit, die seine Mutter bei seinem Vater verbrachte, kam der Sohn oftmals zu kurz. Dennoch habe Mathias es verstanden, auch wenn es schwer war. »Es gab Zeiten, da haben wir beide geheult«, sagt Elfriede Roth.
»Ich lebe mein Leben jetzt so gut ich kann, ohne schlechtes Gewissen«
Im behindertengerecht eingerichteten Zimmer von Reinhold Roth stehen Dutzende Pokale. Es ist trotzdem nur ein kleiner Teil seiner Trophäen. Die restlichen sind anderweitig verstaut, sagt Elfriede Roth. Mit Mütze und dick eingepackt sitzt der 53-Jährige in seinem Rollstuhl, bereit, draußen noch die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu nutzen. Reinhold Roth lächelt. Er erwidert das »Hallo«. Aufmerksam bewegen sich seine großen blauen Augen: von links nach rechts und von oben nach unten. Auf Geräusche reagiert er. »Er bekommt alles mit«, sagt eine seiner Pflegerinnen. Sein Händedruck ist kräftig. »Loslassen, Reinhold«, sagt die Betreuerin nach einigen Sekunden. »Und nun die Hand auf die Brust«, ergänzt Elfriede Roth. Ihr Mann folgt den Anweisungen. »Wir arbeiten therapeutisch mit ihm und nicht für ihn«, erklärt Elfriede Roth, die darin auch den Schlüssel für die Fortschritte sieht.
»Ich sage ihm oft ›Du bist ein Papagei‹«, lächelt Elfriede Roth. Denn ihr Mann spricht viel nach. Auch bevor er dann nach einem weiteren kräftigen Händedruck raus an die frische Luft gebracht wird. An dem Straßenschild vorbei, auf dem sein Name steht. (GEA)