Ist doch logisch das sie Rossi keine Einblicke mehr in die Entwicklung der 2011er Maschine geben. Finde das Testverbot durchaus nachvollziehbar und in Ordnung.
Nein, das sehe ich anders. In der Presse verlauten zu lassen (egal ob offiziell oder mit durchgesickerten Infos), dass Rossi nicht testen darf halte ich für taktisch unklug. Da schwingt japanisch gekränkte Ehre mit, genau wie bei Honda. Ohne zu wissen was hinter den Kulissen genau passiert ist (denn es könnte durchaus sein, dass Rossi sie "verarscht" hat, trau ich ihm ohne weiteres zu wenn er unzufrieden war/ist) ist das natürlich schwer neutral zu bewerten. Trotzdem tut sich Yamaha gerade keinen Gefallen, denn die meiste Fan-Sympathie liegt eindeutig bei Rossi und nicht bei Yamaha selbst. Selbst in Spanien ist man mit Lorenzo allenfalls gleichauf (siehe Barcelona '09).
Ich denke es hätte genug "geschicktere" Zwischenlösungen gegeben, mit denen man auch wirksam verhindern hätte können, dass Burgess (um den geht es ja wohl in der Hauptsache) zu viele Infos für 2011 mit zu den Roten nimmt. Teile testen ohne den entsprechenden technischen Hintergrund preis zu geben zum Beispiel. Oder bestimmte kritische Teile eben nur Lorenzo geben. Außerdem: Wer glaubt schon dran, dass Yamaha in Brno was wirklich komplett revolutionäres für 2011 an den Start bringt? Ich jedenfalls nicht. Es werden wie so oft kleine (aber feine) Detailverbesserungen sein.
Wie auch immer. In meinen Augen sorgt Yamaha nur dafür, dass Rossi und seine Anhänger den Wechsel nur noch mehr zelebrieren können, als dies ohnehin schon möglich ist. Jetzt mal wieder absolut subjektiv: Man könnte an solchen Reaktionen durchaus auch Furcht ableiten, dass mit Rossi's Abgang auch der Erfolg der jüngsten Jahre ausbleibt. Niemand weiß das besser, als Furusawa, der eng mit Burgess/Rossi zusammengearbeitet hat (speziell 2004 und nach 2006, als er extra aus dem Quasi-Ruhestand zurück kam). Jarvis fehlt dieser Durchblick in meinen Augen ein wenig, möge er noch so oft betonen, dass Furusawa ja sein Boss ist und er nichts ohne seine Zustimmung entscheiden könne. Zu deutlich waren da für mich auch Furusawa's pro-Rossi Aussagen. Von Jarvis kam meist nur was nach dem Motto "no bidding war", "acceptable offer", etc.
Psychologisch waren die Gehaltsvorstellungen seitens Yamaha ein Schlag ins Gesicht von Rossi, da kann Jarvis reden wie er will. Lorenzo ist super, keine Frage. Aber er hat keinen einzigen Titel für Yamaha geholt und sie wissen nicht, wohin es ihn nach dem ersten oder zweiten Titel verschlägt (er sagt ja selbst er wartet auf gute Angebote von anderen). Ich sage jetzt schon voraus, dass Lorenzo nicht lange bei Yamaha bleibt, egal ob er serienweise Titel holt oder nicht. Der will Geschichte schreiben und das geht nun mal mit einem Herstellerwechsel umso nachhaltiger (siehe #46). Gut möglich also, dass 2012/13/14 kein "Über-Alien" mehr bei Yamaha fährt und dann Zeiten wie nach Roberts/Rainey anbrechen (=Tal der Tränen).
Der große Fehler wurde meiner Meinung nach schon letztes Jahr gemacht: Man hat Lorenzo einen 1-Jahres Vetrag gegeben. Damit hat man zweierlei erreicht: Erstens hat man Rossi da schon ans Bein gepinkelt, weil sie ihm nur 2-Jahres Optionen angeboten haben. Zweitens haben sie Lorenzo quasi den Freifahrtschein für Gehaltserpressung gegeben, sollte er dieses Jahr Weltmeister werden. Und genau dies tritt nun ein. Schon letztes Jahr hätte man härter dagegen halten müssen, als er diese lächerliche Ducati-Posse abgezogen hat. Glaubten die auch nur eine Sekunde dran, dass er das durchzieht? Und selbst wenn: So what??? Dass für jemanden, der Yamaha quasi aus der Versenkung (kein Sieg 2003, alle WM-Titel 2004) und mit ihnen 4 WM-Titel geholt hat andere Maßstäbe gelten, als für ein aufstrebendes Supertalent, hätte jedem Verantwortlichen klar sein müssen. Ich will hier jetzt nicht sagen, dass Rossi diese Ausnahmebehandlung tatsächlich zusteht, das ist Ansichtssache. Aber jeder, der mit Hochleistungssportlern zu tun hat sollte wissen, wie diese ticken. Jarvis war doch angeblich eine der Hauptpersonen, die Rossi's Wechsel von Honda vorangetrieben haben. Was sich jetzt abspielt ist eine klare und vorhersehbare Folge der Entscheidungen, die Yamaha getroffen hat. Honda hatte noch die "Ausrede" zu glauben, dass Rossi blufft und nie freiwillig vom besten Bike zurücktritt. Yamaha kann sich dieser "Ausrede" ganz offensichtlich nicht bedienen.
Man kann die ganze Sache natürlich auch von der anderen Seite beleuchten. Angenommen Yamaha war so schlau und wusste von vornherein ganz genau dass Rossi geht, wenn man Lorenzo und ihn wie oben erwähnt behandelt. Dann war alles kalkuliert. Yamaha vertritt dann offenbar den Standpunkt, man brauche Rossi nicht (mehr) zum Gewinnen. Oha, das hatten wir doch schon mal, oder?

Zugegeben, es gibt einen großen Unterschied zu 2003:
Lorenzo. Honda hatte damals nichts dergleichen zu bieten. Niemanden, der auch nur ansatzweise gezeigt hätte, dass er Rossi auf gleichem Material schlagen kann. Insofern hat Yamaha vielleicht doch sehr viel aus der "Honda-Situation" von 2003 gelernt und sich so gut es geht für die Zukunft aufgestellt. Problem: Keiner weiß, wie gut Lorenzo und seine Crew auf lange Sicht die Entwicklung lenken können. Lorenzo's Arbeit beschränkte sich bisher auf Setups. Erst für diese Saison hat er bei der Entwicklung ein vertraglich garantiertes Mitspracherecht. Das heißt überspitzt formuliert: In der 2010er Yamaha steckt 100% Burgess/Rossi und 0% Romagnoli/Lorenzo Input.
Und genau mit letztem Satz schließt sich der Kreis zu angesprochenem Testverbot für Burgess/Rossi in Brno. Das ist ein Schnitt, wie er deutlicher nicht sein könnte. Lorenzo und sein Team entscheiden das erste Mal, und zwar ganz allein, in welche Richtung die Entwicklung gehen wird. Mit der jetzigen Basis ist das zunächst kein Problem und wird vermutlich ein Kinderspiel. Was aber, wenn sich 2012 die Regeln ändern? Der Motor und seine Charakteristik wie sie im Moment ist, war eine von Rossi's hartnäckigsten Forderungen ("not just electronic power delivery control") und Furusawa (der Ende des Jahres wohl endgültig in Rente geht) hat diese Forderungen stets unterstützt. Was, wenn man in naher Zukunft auf ein größeres Problem wie 2006 stößt (extremes Chattering nur bei bestimmten Setups)? Es wird sich zeigen, wie sich das alles entwickelt. Yamaha kann in meinen Augen eigentlich nur verlieren. Reißt Lorenzo die nächsten Jahre alles ein, geht er anschließend weg um sich neu zu motivieren. Alle Erfolge werden ihm zugeschrieben werden, genau wie in der Vergangenheit Rossi. Wird er die nächsten Jahre von Rossi gebügelt, geht er wahrscheinlich ebenfalls weg, weil Yamaha ihm kein Gerät hinstellen kann, das gut genug ist die #46 zu schlagen.
Der Joker in diesen ganzen Gedankenspielchen? Richtig: Ben Spies. Das denken viele, ganz bestimmt auch Yamaha. Er ist der offizielle "Plan B". Allein der Glaube daran genügt aber noch nicht. Es gibt selbst Leute die anzweifeln, dass zwei der vier Aliens je einen (weiteren) WM-Titel gewinnen. Und ob Spies jemals auch nur in die Nähe dieser zwei kommt (über eine Saison gesehen), bleibt abzuwarten. Ich freue mich jedenfalls darauf, es zu erfahren.
Mit der sich abzeichnenden Fahrerkonstellation stehen uns bestimmt heiße Jahre bevor. Wen interessiert es da noch, ob Suzuki aussteigt oder nicht? Wenn ganz vorne der Punk abgeht, ist völlig egal ob 17 oder 27 Maschinen um den Kurs geprügelt werden. Alle Augen sind auf dem Kampf um die Spitze. 2009 hätten Lorenzo und Rossi genauso gut allein in Barcelona antreten können, keinen hätte es gejuckt, zumindest nicht am TV.
Und jetzt mal unter uns: Man bietet dem größten aller italienischen Fahrer 19 Millionen $ um auf einer, nein,
DER italienischen Maschine zu fahren? Und einige sind auch noch wirklich überrascht, dass er annimmt?