R1150GS, BJ 08/02, Einzelzündung

  • Was ist eigentlich eine Enduro? So ein Quietschorangenes Teil aus Österreich, oder so ein kompromissloses Hardpart aus Italien bei dem einem schon auf den ersten Blick der Allerwerteste weh tut wenn man nur an die ersten 20km denkt?
    Oder doch dieses Urvieh mit seinem Schnabel und den weit abstehenden Zylindern? :D
    Der Händler sagt „Doch doch das ist eine Enduro“ ....unglaubwürdig und doch eine Frage der Neugier, kann sie oder kann sie nicht? ;)


    Nach sechs Jahren weiß ich das sie kann....erstaunlich besser als das was sie einem erst mal vorgaukelt....


    ...und ein Gaukler ist sie in vielen Dingen.... :suspekt:


    Der Motor:
    Boxer, was sonst....der vollständige Massenausgleich macht sich sofort bemerkbar, es kommen nur wenige Vibrationen durch die auf einen derart großen Zweizylinder schließen lassen könnten...
    Sofort und ohne Umschweife hängt er voll am Gas, sein Drehmoment ist nicht nur auf dem Papier legendär, die Arme an der gewaltigen Lenkstange geben ebenfalls die Meldung an die Synapsen “Da tut sich ordentlich was“
    Er schiebt an wie ein Traktor, ab Standgas steht schon fast alles zur Verfügung was dieses Monstrum an Motor leisten kann, aber er mag nicht gefordert werden...ab 5500 1/min zeigt er sein Ungemach mit deutlichen Vibrationen an. Wem das egal ist, der wird sich über den ungeheuren Öldurst der Kuh etwas wundern....Sporen mag er nicht, auch wenn er kann... :smirk:


    Das leidige Thema Getriebe, es kracht, es knackt und ist hakelig....kann ich so nicht bestätigen, mein Getriebe ist unwillig wenn es kalt ist und der erste eingelegt wird, dann machts ´nen Ruck durch die Fuhre, aber wenn sie läuft ist sie sanft wie ein Lamm und leise wie eine Wüstennacht....ärgerlich sind allerdings die Leergänge die man allenthalben findet, mal einer zwischen dem 3. und dem 4. dann mal wieder einer unterm 5.....ich finde ein Leerlauf reicht vollkommen aus, für ein „Premium“ Mopped nicht wirklich ok....man muss seine Kuh eben kennen lernen und sich drauf einstellen das an gewissen Stellen Nachdruck nötig ist. :durchgeknallt:
    Dafür aber dreht das Getriebe entgegen der Kurbelwelle, eingekuppelt sind Reaktionen vom Motor so gut wie nicht zu spüren...



    Das Fahrwerk:
    Kaum etwas hat mich in den letzten Jahren so sehr begeistert wie dieses Fahrwerk, es ist eigentlich simpel und stellt eine Art dar wie man sie eher bei einem Auto vermuten würde. Es ist ein „ich bügel alles glatt“ Gebilde das komischerweise noch nicht kopiert wurde...Bremsnicken gibt es nicht, Kardanreaktionen sind fast nicht spürbar und die Federwege sind selbst im groben Geläuf ausreichend. Die original Dämpfer sind eine Streitfrage und etwas Wilbers hier oder etwas Öhlins da können den verwöhnten Extremsportler begeistern, sind aber gar nicht nötig....die Kuh ist kein Springpferd und wird es auch nie sein....wer wandern will und MX-Strecken nicht gerade mit Enduro Kursen verwechselt, der wird seine Freude haben und sich oft wundern wie leichtgängig doch das Riesenviech ist... :)




    Alltag:
    Aufsitzen und los, der Wetterschutz ist recht komplett und das fast übliche Zubehör aus Heizgriffen und dem ABS II machen einen netten tagtäglichen Begleiter aus der Kuh. Die Sitzbank ist etwas zu weich gepolstert und könnte auch etwas rutschfester sein, sicherlich kann man so was abstellen aber von einem Bayrischen Nutztier in der Preisklasse hätte man auch etwas mehr erwarten können. Zubehör von Kahedo oder Wundermilch schlagen doch gleich mal mit mindestens 400€ zu Buche um dem Allerwertesten eine heimelige Sofa Atmosphäre bieten zu können.
    Wer seine neue Kuh sauber und wirklich freundlich an ihr Leben gewöhnt wird lange Freude haben, sie säuft mit 6-7ltr relativ wenig und Öl brauchen nicht alle Boxer...wenn sie pfleglich eingeführt wurden!
    Sehr angenehm und fast unsichtbar sind die Kofferhalter, ein winziger Bügel und ein kleiner Plastikaussatz an den Rasten bilden das gesamte Trägersystem....natürlich nur für BMW-Systemkoffer, die aber absolut wasserdicht sind und dank ihrer zerklüfteten Innenansicht kaum Gepäck für ein paar Wochen aufnehmen können...es bleibt der beliebte Griff zur Gepäckrolle als Camper auf keinen Fall aus....
    Und schon kommt ein gewaltiger Schwachpunkt ins Spiel, die Zuladung ist für so ein großes Mopped lächerlich gering, alleine ist das alles kein Problem, aber zu zweit sind 460kg bei 249kg leer schnell erreicht.


    249kg Leerkuh + 92kg Fischi + 60kg Sozia + Sprit und Gepäck ist nicht wirklich prickelnd :devil:



    Sicherheit:
    Fast alle R1150GS wurden mit dem optionalem ABS ausgeliefert, das ABS arbeitet zuverlässig und feinfühlig genug, so das man eigentlich nur mit dem Hinterrad im Regelbereich landet.
    Die Grenzen des Fahrwerks liegen weit oberhalb der Rastenschleifgrenze und beendet wird alles tatsächlich erst von den Zylindern die bei der GS erst nach den Rasten aufsetzen. ;)
    Auch sonst ist sie sehr gutmütig und verzeiht Fahrfehler oder radikales Bremsen in Kurven noch relativ human. Sicherlich sind auch die recht schmalen Reifen für das geringe Aufstellmoment verantwortlich, vorne 110 19“, hinten 150 17“.




    Kosten:
    Die Anschaffung ist eigentlich das Hauptproblem, die Wartungsintervalle sind 10tkm für den Pflegedienst mit allen Ölwechseln und Bremsflüssigkeit der mit ca. 250€ zu Buche schlägt, nebst Kontrollen der üblichen Verschleißteile....erst alle 20tkm wird eine richtige Inspektion fällig die dann natürlich auch richtig „Aua“ beim betrachten der Rechnung hervorruft. :durchgeknallt:
    Den Wechsel des Poly V-Riemens der in etwa das darstellt was bei Autos allgemein unter „Zahnriemen“ verstanden wird und bei 60tkm ansteht musste ich noch nicht vornehmen....dazu fehlt mir einfach die Erfahrung.
    Ein Reifensatz auf rund alle 10-12tkm mit dem Michelin Anakee oder sogar bis zu 20tkm mit dem Metzeler Tourance schlägt inkl. Arbeit mit ca. 250€ zu Buche.
    Ansonsten wird eigentlich nichts weiter benötigt....



    Zubehör:
    Es gibt sinnvolles und weniger sinnvolles, wie immer....


    -Der Teleleveranschlag ist nicht zu verachten, er verhindert das die Gabel den Telelever vorne beschädigen könnte und der Anschlag des Lenkers abbricht...ein 90€ Teil das auch gleichzeitig den Bremsschlauch vernünftig vor Quetschungen bewahrt....sehr sinnvoll.
    -Öhlkühlerschutzgitter, der Kühler sitzt gut versteckt aber trotzdem voll im Fahrtwind, ich popel lieber Insekten von dem Gitter ab als sie zwischen den Lamellen mit ´ner Pinzette raus zufrickeln....Geschmackssache
    - Wer die Kuh auch mal auf die Weide führt sollte seinen Sammler schützen, dazu gibt es verschiedene Alubleche die man einfach am Hauptständer befestigt
    -KFR, das Unwort aller R1150GS, das Ruckeln im Schiebebetrieb kann man auch ohne Chiptuning weitestgehend abstellen. Dazu benötigt man einfach nur Denso U-Rille Iridium Kerzen, die nebenbei rund 60tkm halten und einen K&N Luftfilter...sehr sinnvoll
    -Grosser Schnorchel, anstelle des üblichen Ansaugschnorchels kommt ein deutlich größerer, bei der Lage ist es auch sowieso egal denn die Kuh mag keine tiefen Wasserdurchfahrten, er „befeuert“ aber den K&N mit deutlich mehr Atemluft und wirkt sehr nachhaltig....sie wird deutlich drehfreudiger...sehr sinnvoll für rd. 25€
    -ESD, Ersatzschalldämpfer...es gibt jede Menge auf dem Markt, ich selber fahre einen Zach ESD der gänzlich ohne dB-eater legal auskommt solange der orig. Sammler noch montiert ist....er verhindert den kleinen Drehmomentknick bei ca. 4000 1/min nachhaltig und klingt angenehm dumpf und sonor...mit 400€ teuer aber geil...sinnvoll wer´s mag
    -Thermometer-Cap, anstelle der billigen Abdeckung vom Lenkkopflager hab ich ein Wunderlich Thermometer....sieht besser aus, ist aus Metall und der O-Ring wirkt dichtender als die originale Plastik Kappe....teures Gimmick und Geschmackssache
    -Gel-Batterie, keiner weiß was sich BMW bei der Auslieferung mit nicht wartungsfreien Batterien gedacht hat, man kommt ohne das halbe Mopped zu zerlegen nicht an den Akku ran....also kam bei mir schon nach zwei Jahren ein Gel Akku rein der mit sagenhaften 50€ bereits das vierte Jahr vom feinsten funzt. Ich verwende eine Fiamm die aber nach Gerüchten auch nicht immer so lange halten soll....das ist nur meine Erfahrung damit. Ich halte die Fiamm für sehr sinnvoll...
    -Zusatzscheinwerfer....für mich ein Gimmick das man haben kann um besser gesehen zu werden...nötig ist es nicht denn die 1150GS bietet mit ihren beiden „Karl Dall“ Scheinwerfern ein schon fast optimales Licht...Geschmackssache und eher weniger sinnvoll



    Mein Fazit:


    Die R1150GS ist ein „Brot und Butter“ Mopped , einzig ihre Anschaffung ist eine Krux die man nicht von der Hand weisen kann. Das Ding ist pflegeleicht und äußerst gutmütig, die Folgekosten sind gering und der Werterhalt unglaublich hoch. Trotzdem mussten viele GS´ler tief in die Tasche greifen um aus ihrer GS „MEINE GS“ zu machen, da hätte man mehr erwarten können....aber bei wem ist das nicht so?


    Sie kann eigentlich alles, aber nichts kann sie richtiger als begeistern wenn man sie einmal gefahren hat....nur alles heißt eben auch nichts richtig, sie ist kein Spezialist. Sie ist ein Ding das überall und jederzeit allen leidlich folgen kann....die Augen der geneigten Sportler Fraktion werden groß wenn sie eine GS nicht abschütteln können, so groß wie die Augen von gnadenlosen Enduro Fahrern denen eine GS folgt und unermüdlich, aber nicht hüpfend und springend, auf den Fersen bleibt....


    Ich weiß nicht ob mein nächstes Mopped wieder R-GS heißen wird, zuviel der deutschen Premium Marke soll in Zukunft aus Korea oder China kommen...dafür ist mir der preisliche Unterschied dann doch eine Nummer zu hoch...aber solange meine GS mit ihren Hufen scharrend noch in der Garage steht und kein anderer Hersteller etwas vergleichbares auf zwei Räder stellen kann das dieses breite Spektrum abdeckt...solange werd ich meine Kuh noch weiter verfeinern und daraus „Meine“ machen...



    Tipp:
    BMW Enduropark Hechlingen, dort lernt man wirklich mit dem riesen Ding umzugehen.



    Daten:
    - 1130ccm
    - 62kW / 86PS bei 6750 1/min, rund 70kW hat meine mit den oben beschr. Bauteilen
    - 249kg leer, max. 460kg
    - Reifen vorne 110/80 R19M C59H; hinten 150/70 R17M C69H
    - Tank 22ltr, davon 4ltr Reserve
    - Top Speed 195km/h, bei mir mit GPS getestet 205km/h

  • Staunen - draufsetzen - fahren


    Da ich nun in den Genuss gekommen bin, eine R1150GS im Alltag, übers Land und auf der Autobahn zu fahren,
    hier mal meine Eindrücke.


    Staunen:


    Mein erster Eindruck war als ich vor diesem Monstrum von einem Motorrad stand: Ach du Kacke!
    Kann man das Dingen überhaupt sicher rangieren und somit auch sicher bewegen, wenn man wie ich gerade mal 175 misst?
    Vorweg: man kann!
    Ich stand also vor diesem Motorrad und war mir nicht mehr sicher, ob meine Vorfreude darüber, dieses Teil für den Rest der Saison
    zu bewegen, nicht etwas verfrüht war.
    Alles wirkt riesig, der Tank, der Lenker... einfach alles.
    Gut, nachdem ich nachhaltig beeindruckt den ersten Schrecken verdaut hatte, stand die Sitzprobe an.



    Sitzen:


    Der zweite Eindruck entspannte die Situation merklich.
    Die Sitzbank auf die unterste Stufe gestellt und den Kommandostand eingenommen.
    Und siehe da, beide Füße hatten (die Fersen leicht gelupft) sicheren Bodenkontakt.
    Die GS verliert tatsächlich ihren Schrecken, wenn man einmal hinter der üppigen Lenkerstange platzgenommen hat.
    Die etwas verwirrende Anordnung der Schalter war für mich ein wenig gewohnheitsbedürftig.
    Ich habe keine Ahnung wie oft ich bei meiner ersten Tour ahnungslose Verkehrsteilnehmer verunsichert habe,
    weil ich gehupt habe obwohl ich links blinken wollte oder nach dem linksabbiegen rechts geblinkt habe, obwohl ich
    nur den Blinker zurückstellen wollte.
    Aber man gewöhnt sich an alles.



    Fahren:


    Die 1150 GS ist das Motorrad, dass man als die eierlegende Wollmilchsau bezeichnen kann.
    Sie kann alles, nicht perfekt aber ziemlich gut.
    Autobahnetappen werden zur entspannten Reise, zwischen 140 und 160 km/h hat man den Eindruck,
    man könnte sich ein Kippchen anzünden. Das ist für mich die optimale Reisgeschwindigkeit.
    Zum Überholen mal kurz am Gasgriff gedreht und schon kann man entspannt weitercruisen.
    Ermüdungserscheinungen hatte ich irgendwie überhaupt nicht.


    Auf der Landstrasse mutiert sie zum Jäger.
    Es macht einfach höllisch Spass die Supersportler durchs Bergische Land zu hetzen,
    und man muß irre aufpassen, dass man sich zumindest ansatzweise im Rahmen der Starssenverkehrsordung bewegt.
    Selbst in verwinkelten Strassen läßt sich die GS prima um die Ecken winkeln ohne das man ihr
    beachtliches Kampfgewicht spürt. Das Fahrwerk bügelt so ziemlich alles weg und verzeiht auch Fehler.


    In der Stadt ist es einfach entspannt, hoch sitzen und genug Druck aus dem Keller.


    Die Bremsen sind ein Traum. Erst wenn man weiß das ein ABS werkelt und man bei Gefahr ruhig
    richtig hinlangen kann, merkt man was geht.
    Zweimal mußte ich ordentlich den Anker werfen und es hat beide Male nicht ausgereicht in den Regelbereich zu kommen.



    Fazit:


    Ein tolles Motorrad das sowohl zum Kurven räubern als auch für die große Urlaubstour geeignet ist.
    Was für mich dagegen spricht ist sicher das hohe Gebrauchtpreisniveau.


    Wer die Möglichkeit hat, sollte das Teil einfach mal ausprobieren - es lohnt sich.

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