Kurzer Reisebericht Loire und Bretagne

  • Da wir unseren für dieses Jahr geplanten Korsika-Urlaub zweimal Corona-bedingt nicht antreten konnten, sind wir auf das Loire-Tal und die Bretagne ausgewichen. Meine Freundin ist, wie schon berichtet, noch blutige Motorrad-Anfängerin und hat bisher nur in der Fahrschule und bei uns auf einem großen Parkplatz geübt. Die erste Ausfahrt in freier Wildbahn ist für Frankreich geplant. Da wir außerhalb der Hochsaison unterwegs sind und auch die Touristen-Zentren meiden, ist das nicht die schlechteste Idee. Wenig Verkehr und keine zu anspruchsvollen Strecken.


    Abfahrt ist für Samstag-Mittag geplant. Also werden die Mopeds Vormittags auf den Hänger verladen. Der hat vor kurzem von mir neue Radlager bekommen, weil eins komplett ausgeschlagen war. Dann der letzte Check der Räder. Das linke Rad hat trotz des neuen Lagers Spiel. Viel Spiel. Das war mir beim Wechsel der Lager, der eigentlich völlig problemlos war, nicht aufgefallen. Offensichtlich ist eine der Lageraufnahmen hinüber. =O Die Achse ist schrottreif. Vermutlich wurde der Anhänger heftig überladen. Anhänger verleihen ist nicht immer eine gute Idee. X(


    Aber unsere Rettung wohnt direkt nebenan. Mein netter Nachbar überlässt mir seinen gerade erst für sein Gespann fast neu gekauften Anhänger. :1: Solche Nachbarn kann man gebrauchen. Also fix umgeladen und der Abfahrttermin wird gehalten. Als kleines Dankeschön werde ich ihm einen Korb mit Spezialitäten aus der Bretagne mitbringen. Aber dazu später mehr.


    Die erste Etappe ist nur bis Compiègne (noch vor Paris) geplant und verläuft ohne jeden Stau und Probleme. Nur beim Anhänger muss ich ein wenig aufpassen, weil der deutlich breiter als meiner ist. Die Unterkünfte haben wir alle über Airbnb gebucht. Die erste liegt in einem kleinen Dorf, ist ein wenig spartanisch aber für eine Übernachtung völlig ok. Den Anhänger lassen wir an der Unterkunft stehen und fahren zum Essen und Bummeln ins nahe gelegene Compiègne und finden ein kleines Lokal mit Live-Musik und leckerem Essen. Mein Französisch reicht gerade aus, um nicht zu verhungern. Meine Freundin hat noch einiges aus der Schule behalten und versteht das meiste, allerdings kann auch sie die Speisekarte nicht komplett übersetzen. Aber es gibt ja Deepl, das auch die Kommunikation im Vorfeld über Airbnb zum Kinderspiel macht.


    Am nächsten Morgen fahren wir bis zu ersten Urlaubsbasis in Seuilly im Parc naturel régional Loire-Anjou-Touraine. Bis Orlèans über die Autobahn und danach über die Landstraße. Das dauert zwar länger, man sieht aber viel mehr von der Landschaft. Unterwegs finden wir mitten in der Provinz am Sonntag-Nachmittag noch einen kleinen Supermarkt, der genau in dem Moment an dem wir vorfahren nach der Mittagspause wieder öffnet und decken uns für das Abendessen und Frühstück für den nächsten Tag ein.

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    Wir haben uns in einem kleinen Häuschen in einem Dorf weit weg von jedem Tourismus eingemietet.


    Ein altes frisch renoviertes Bauernhaus, dass nicht nur sehr geschmackvoll eingerichtet ist, sondern auch noch Annehmlichkeiten wie eine vollwertige Küche und eine Spül- und Waschmaschine bietet. Wir gehen zwar auch gerne essen, versorgen uns meistens aber selbst. Genau wie wir es mögen. Und gegessen wird in einem kleinen sehr schönen Garten.


    Die Vermieter sind eine Familie, die nach der Pensionierung aus Paris hier hin gezogen sind. Die Tochter der Familie empfängt uns. Sie ist bei ihren Eltern zu Besuch und übernimmt die Einweisung. Sie lebt in der Schweiz und spricht fließend Englisch. Die Vermieter sind super freundlich und an der Unterkunft gibt es nicht das geringste auszusetzen. 5 von 5 Sternen.


    Am nächsten Tag fahren wir mit dem Auto nach Chinon und genießen einen entspannten Tag.


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    Der Peugeot hat sich jedenfalls rentiert. Als Pickup habe ich den noch nie gesehen:

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    Dann die erste Tour. Ich habe eine Rundtour mit rund 120 Km geplant, mit der Möglichkeit abzukürzen, falls es zuviel wird. Die Strecke ist natürlich einfach gehalten, doch ich hatte versehentlich die Option "Unbefestigte Wege vermeiden" deaktiviert. Daher mussten wir einmal umdrehen, um den Weg zu umfahren.


    Die erste Fahrt klappt gut. Meine Freundin fährt sehr vorsichtig und entsprechend langsam, aber die paar Franzosen, die unterwegs sind nehmen es gelassen und warten geduldig, wenn es beim Anfahren mal nicht klappt und überholen nur da wo es gefahrlos geht. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und fährt konsequent ihre Wohlfühlgeschwindigkeit. Das beruhigt mich, da es nichts schlimmeres gibt, als jemand, der über seine Verhältnisse fährt, um "dran zu bleiben". Das geht irgendwann schief.


    So bleibt die erste Tour ohne Umfaller oder sonstige Auffälligkeiten.


    Ein erster Zwischenstopp wird beim Château d'Ussé eingelegt. Es wird das einzige Schloss sein, dass wir uns von innen anschauen. Schlösser gibt es hier ja wie Sand am Meer, aber innen sind sie alle schon sehr ähnlich und wir haben beide nicht das Bedürfnis, die alle sehen zu müssen.


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    Wir bleiben insgesamt 4 Nächte in der Unterkunft und lassen es sehr entspannt angehen. Ein paar Mopedtouren zum üben und viel Zeit zum Erholen. Eine schöne Gegend, aber natürlich keine Gegend für ausgedehnte Kurvenfahrten.


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    Dann wird gepackt und es geht zum Hauptziel der Reise - die Bretagne bzw. Breizh, wie es auf Bretonisch heißt.

    Die Bretonen pflegen einen ausgeprägten Regionalpatriotismus, was sich auch in zweisprachigen Ortsschildern manifestiert. Die Bretagne ist als letzte Region Frankreich angegliedert worden und hat sich eine Eigenständigkeit bewahrt. Das keltische Erbe wird sehr intensiv gepflegt, ein wenig vergleichbar mit Katalonien.


    Vor vielen Jahren war ich mal an der südlichen Grenze der Bretagne in Urlaub und freue mich auf die Gegend. Ich höre viele Hörbücher auf dem Weg zur Arbeit, unter anderem auch die Krimireihe mit Kommisar Dupin von Jean-Luc Bannalec (Pseudonym von Jörg Bong), die in der Bretagne spielt und eine Mischung aus Krimi und (kulinarischem) Reiseführer ist. Darin werden die bretonischen Landschaften, Orte, Eigenheiten und Spezialitäten sehr ausführlich beschrieben. Ich bin sehr gespannt die Eindrücke aus den Büchern in natura zu erleben und werde nicht enttäuscht werden.


    Auf der Fahrt über Nantes nach Arzano zu unserer Unterkunft in der Bretagne fällt mir bei einer Kontrolle der Abspannung der Motorräder auf, dass sich ein Spanngurt an einer scharfkantigen Schraube der Soziusgriffe der Yamaha zu einem Drittel durchtrennt hat. =O Mir wird ein wenig schlecht und wir suchen einen Baumarkt auf der Route und kaufen Ersatz. Die Mopeds werden komplett neu verspannt und nach einer halben Stunde geht's dann weiter.


    Unser gemietetes Ferienhaus  liegt auf einem von einem Bauernhof abgetrennten großen Grundstücks außerhalb des Ortes Arzano in Mitten von Maisfeldern. Innen komplett kernsaniert und modern ausgestattet mit eigener Terrasse und unverbautem Blick über ein Tal. Die Vermieter leben im Haupthaus 50 Meter entfernt. Totale Stille, viel Platz und mitten im Grünen - also perfekt für uns.


    Der Vermieter zeigt uns das ganze Haus in schnell gesprochenem Französisch, von dem ich kein Wort verstehe, aber er erklärt alles auch mit Händen und Füßen, wenn er meine fragenden Blicke sieht.


    Sehr angenehm war die Fußbodenheizung, da es am Abend die ersten Tage frisch wurde.

    VG
    Michael

    Edited 11 times, last by BDR529 ().

  • Am nächsten Tag starten wir nach Concarneau, einer kleinen Küstenstadt, in der Kommisar Dupin ermittelt. Während der Hinfahrt haben wir uns schon per Hörbuch über den aktuellen Ermittlungsstand des aktuellen Mordfalles Bretonisches Vermächtnis informieren lassen und besichtigen die Schauplätze des Verbrechens.


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    Für meinen Nachbarn schauen wir uns in der Markthalle im Hafen nach bretonischen Spezialitäten um. Gut, Austern wären problematisch, aber Salz, dass in der Bretagne gewonnen wird, Bier, Cidre, Salami, richtig leckere Schokolade lassen den Fresskorb anwachsen. Unserer Ermittlungen treten etwas auf der Stelle, aber wir fühlen uns in den Cafés am Hafen und in der Festung von Concarneau gut aufgehoben. Aufgrund unserer wichtigen Verpflichtungen an den diversen Stränden der Bretagne muss der Kommissar die nächsten Tage ohne unsere Hilfe auskommen. Wir können uns ja nicht um alles kümmern.

    Wir machen uns zum Strand auf. Die Strände in der Bretagne sind sagenhaft schön und im September fast leer. Schöne Buchten, mit türkisblauem Meer und auch im September von der Wassertemperatur noch zum Schwimmen geeignet.


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    Für den nächsten Tag planen wir die nächste Route, die uns über wenig befahrene Straße mit sogar kurvenreichen Strecken durch das Hinterland zurück an die Küste bringt und die ganze landschaftliche Vielfalt der Bretagne zeigt.

    Das Motorradfahren klappt immer besser und zumindest die 80 Km/h auf der Landstraße werden erreicht. Einmal erwische ich Sie bei einer Geschwindigkeitübertretung von 3 km/h, lasse das aber großzügig durchgehen. Zwischendurch bietet sie sich dem Rest des Verkehrs als Kolonnenführerin an, was die meisten auch gerne annehmen. Nur einige wenige undankbare Verkehrsteilnehmer überholen uns.


    Wir planen auch die folgenden Routen als entspannte Halbtages-Routen mit Ausnahme einer Tagesroute, bei der meine Freundin als Sozia mitfährt. Die geplanten 250 Kilometer wären dann zuviel des Guten. Wir genießen die Touren, das Essen unterwegs ist durchweg lecker. Nur die unwissenderweise von mir bestellten Galettes, eine bretonische herzhafte Crèpe-Variante, sind zwar an sich lecker, aber die Andouillettes darauf waren definitiv ein Fehler. Eine französische Spezialität für Fortgeschrittene bzw. eher für Weggelaufene. <X


    Bei einem Mittagessen wurde es etwas kompliziert, da die Bedienung etwas im Stress war und es keine Karte gab. Die Kommunikation war etwas schwierig, da sie uns die beiden Vorspeisen und Hauptgerichte zwar genannt hatte, bei uns aber der Transfer vom Gehörten zum Verstandenen aus irgendeinem Grund nicht funktioniert hatte. Nach einigem hin und her zog sie von dannen und wir hatten keine Ahnung was wir gerade bestellt hatten. Wir wussten nicht mal, ob wir Vorspeise und / oder Hauptgang bekommen würden. Zu unserer Erleichterung kam beides und war zudem noch sehr lecker. Verhungern muss man hier jedenfalls nicht. ^^


    Am vorletzten Tag passiert dann doch ein kleines Malheur. Meiner Freundin kippt das Moped beim Anfahren und Abbiegen durch etwas zu zögerliches Gas geben um. Sofort kamen zwei nette Franzosen zu Hilfe und haben uns beim Aufheben geholfen und uns weitere Hilfe angeboten. Aber für einen abgebrochenen Spiegel reicht Bordwerkzeug allemal.


    Drei Verkleidungsschrauben gelöst und den Spiegel abgebaut. Die Bruchstelle ist eher eine Sollbruchstelle, aber nichts, was man mit etwas Kaltmetall nicht wieder reparieren könnte. Nach 20 Minuten ging's weiter, die Bruchstelle ist unter der Gummiabdeckung nicht zu sehen und die Reparatur hält heute noch.






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    Wir haben die folgenden Tage noch weitere Restaurants und Strände getestet. Da lasse ich einfach mal die Bilder sprechen. Der Trip war sehr erholsam und natürlich zu kurz, wie jeder Urlaub.


    Die Bretagne ist wunderschön und immer eine Reise wert, außer vielleicht zur Urlaubssaison der Franzosen. Dann wird's auch hier voll.

    Ach ja, auf der Rückfahrt haben wir erfahren, dass der Kommissar seinen Mordfall doch noch ohne unsere Hilfe gelöst hat. Der Apotheker war's.

    Und die Bretagne wurde auch während unserer Anwesenheit nicht zum Risikogebiet erklärt, so dass wir ohne Quarantäne oder Tests wieder nach Hause durften. Obwohl gegen eine längerfristige Quarantäne in der Bretagne hätte ich nicht einzuwenden.


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    VG
    Michael

    Edited 5 times, last by BDR529 ().

  • BDR529

    Approved the thread.
  • Toll :thumbup:, in der Gegend war ich auch schon mehrmals . . . ist viel zu lange her, muss unbedingt wiederholt werden.

    Geradeaus kann (fast) jeder und nahezu 100% der Erdoberfläche sind nicht asphaltiert !

  • Noch ein Nachtrag: Am letzten Montag habe ich mir Ersatz für die kaputte Achse des Anhängers bestellt. 180€ plus 70€ für die Lieferung per Spedition. Für 40€ weniger hätte ich die originale für 750 Kg ausgelegte Achse bekommen, aber ich habe eine mit 1.000 Kg Achslast bestellt, die hat dann mehr Reserven. Da sie die gleichen Maße hat, wird sie auch vom Hersteller als Ersatz empfohlen.

    Der Austausch hat knapp zwei Stunden gedauert, weil die Bohrung für den Bolzen der Deichsel zu klein war und ich dazu erst mal den passenden Bohrer schleifen musste. Der hatte es dringend nötig. Sonst wäre es in anderthalb Stunden erledigt gewesen.


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    Jetzt ist der Anhänger wieder fahrbereit. Der bekommt aber noch neue Kotflügel, weil die eigentlich zwei Zentimeter zu kurz sind und der TÜV beim letzten Mal schon kritisch geschaut hat. Der Vorbesitzer hatte vor Jahren schon einmal eine neue Achse eingebaut und die ist wohl 2 cm breiter als die alte Achse. Die Kotflügel baue ich mir aus Alu selbst. Und dann gibt's für die Ladefläche noch eine neue Oberschicht für die Siebdruckplatte (4mm), dann ist der wieder wie neu.

  • Sehr schöner Bericht und tolle Bilder! Danke!
    :1:
    und einmal eine "französische Spezialität" bestellen, gehört doch zu jedem Frankreichurlaub :D

    Gruß Markus
    Motorradneuling :cool:
    --"Freude am Fahren" kommt nicht von ungefähr---

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